In der DDR war ich zufrieden

Ich treffe Eva Ahnert an einem herbstlichen Mittwochnachmittag zum Gespräch in ihrer Wohnung und wir essen gemeinsam in ihrem Wohnzimmer selbstgebackenen Apfelkuchen mit Äpfeln aus dem eigenen Garten. Eva Ahnert und ihr zweiter Mann sind in das AWO-Wohnheim gezogen, als er aufgrund seiner Erkrankung an Multipler Sklerose ein Pflegefall wurde. Sein Bild steht auf einer Kommode im Wohnzimmer, nachdem er letztes Jahr bedauerlicherweise verstorben ist. Eva Ahnert betreibt den gemeinsamen Garten jetzt allein und wir reden vor dem eigentlichen Gespräch über ihre Apfelbäume, die ihr Mann sieben Mal veredelt hat. Im Hintergrund zwitschert einer ihrer beiden Wellensittiche.

Eva Ahnert hat von ihrer Geburt 1952 an ihr gesamtes Leben in Chemnitz verbracht. Sie ist das jüngste Kind einer vierköpfigen Familie, ihr großer Bruder ist eineinhalb Jahre älter als sie. Die 73-Jährige beschreibt ihre Kindheit als sehr schön und ihr Verhältnis zu den Eltern als gut.

Ihre Kindergartenzeit hat sie nicht wie viele andere Kinder in einer Einrichtung verbracht, sondern wurde mit ihrem Bruder zuhause von ihrer Mutter betreut. Diese war teilweise arbeitsunfähig, da sie in ihren jungen Jahren infolge des Zweiten Weltkriegs an Kinderlähmung und Sepsis erkrankt und generell „kränklich“ war, wie Eva Ahnert berichtet. Die zwei Geschwister mussten sich auch manchmal um ihre Mutter kümmern. Die Beziehung zwischen der Tochter und ihrer Mutter war immer sehr stark und die beiden Frauen haben sich in jeglicher Lebenslage unterstützt.

In ihrer Kindheit hat sie ihre freie Zeit mit den anderen Kindern, die in ihrer Straße wohnten, verbracht. Zusammen waren sie viel draußen und haben auf der Straße gespielt. Als Jugendliche hatte sie eine feste Freundesgruppe, doch keine der besten Freundinnen von damals blieben ihr bis heute erhalten. Mit ihnen sprach sie übers „Frausein“ in der Pubertät, da die „Tabus“ eine Kommunikation über den eigenen Körper ohne Scham mit ihren Eltern verhinderten. Ihre Selbstwahrnehmung hat sich während der Pubertät ohne negative Einwirkungen „einfach entwickelt“, wie sie berichtet.

Sie war in der Pionierorganisation aktiv und übernahm Patenschaften für jüngere Kinder. Ihr Bruder war sogar stellvertretender Pionierleiter und schon in jungen Jahren politisch sehr aktiv. Eva Ahnert war in der weit verbreiteten Massenorganisation der FDJ (Freie Deutsche Jugend), doch im späteren Leben kein Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). „Ich weiß auch so, wo ich hingehöre“, meinte sie dazu und berichtet weder von Druck noch von Ausgrenzung. Ihr ist eine gewisse Bevorteilung von Mitgliedern der SED aufgefallen, beispielsweise durfte eine ihrer Kolleginnen als Tochter eines „hohen Tieres“ in der SED aller zwei Jahre eine Kur in Jugoslawien antreten - ein Luxus, der den meisten verwehrt blieb. Dennoch war sie politisch aktiv, sowohl im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) als auch im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD). „Gleichberechtigung wurde in der DDR großgeschrieben“ berichtet sie stolz. Dafür sei hauptsächlich die SED verantwortlich gewesen. Die Frage, ob auch der DFD wichtig für die Frauenrechte war, konnte sie mir nicht beantworten.

Das Schulsystem der DDR war ähnlich wie unser heutiges. Die zehnklassige Polytechnische Oberschule (POS), gliederte sich in Unterstufe (1.-3. Klasse), Mittelstufe (4.–6. Klasse) und Oberstufe (7.–10. Klasse). Das Abschlusszeugnis der POS entsprach dem heutigen Realschulabschluss (Mittlere Reife). Dieser Abschluss berechtigte zur Aufnahme einer Berufsausbildung oder zum Studium an einer Fachschule. Das vorzeitige Beenden der POS nach der achten oder seltener nach der neunten Klasse war auf Antrag der Eltern und nach Zustimmung der Schule möglich. Mit diesen Abgangszeugnissen konnte eine Berufsausbildung in bestimmten Berufen, vorwiegend in den Bereichen Industrieproduktion, Handwerk und Landwirtschaft absolviert werden, die häufig aber ein Jahr länger dauerte und mit einem Teilfacharbeiterabschluss endete. An der Erweiterten Oberschule (EOS) konnten Schüler das Abitur ablegen und erreichten nach insgesamt zwölf Schuljahren die Hochschulreife.

Die Schule war für sie eine Herausforderung, aber Eva Ahnert strengte sich sehr an, ihr Ziel zu erreichen; sie wollte Landschaftsgestalterin werden. Als sie ihren Ausbildungsplatz schon hatte, kamen Beauftragte der Pädagogischen Schule in Waldenburg an ihre Schule und warben für den Beruf der Kindergärtnerin. Sie sei an diesem Tag nach Hause gegangen und habe ihren Eltern mitgeteilt, dass sie Kindergärtnerin wird, berichtet Eva Ahnert. Ob es einen Effekt hatte, dass der Beruf der Kindergärtnerin damals ein typischer „Frauenberuf“ war? Das verneint die ehemalige Kindergärtnerin. Sie mochte es schon damals, mit kleinen Kindern zu arbeiten, erzählt sie.

Sie bewarb sich auf den Ausbildungsplatz und lernte nach der Aufnahmeprüfung zwei Jahre in einer Außenstelle in Chemnitz. Die zeitlich sehr knapp bemessene Ausbildung von 1969 -1971 bezeichnete sie als „straff“, und auch die Bezahlung empfand sie als wenig. Da sie keinen „wertschaffenden Beruf“ ausübte, bekam sie während ihrer Ausbildung nur 160 Mark der DDR monatlich und begann als Kindergärtnerin mit 340 DDR-Mark. Sie hebt aber hervor, dass in der DDR die Bezahlung von Mann und Frau sehr gerecht gewesen sei – den „Gender-Pay-Gap“, also eine geschlechtsabhängige Bezahlung im selben Beruf, den manche Parteien heute bemängeln, gab es damals nicht. Während ihrer zweiten Ehe verdiente Eva Ahnert sogar mehr als ihr Mann. Dennoch ist zu erwähnen, dass Frauen auch in der DDR häufig finanziell benachteiligt wurden – beispielsweise wurden typische „Frauenberufe“ wie Pflege schlechter bezahlt als „Männerberufe“. Sie wendet ein, dass damals alles günstiger war. Als Beispiel nannte sie ihre Wohnung im Stadtzentrum, die mit 70 Quadratmetern nur 90 DDR-Mark gekostet hat.

Nachdem sie ihren ersten Mann während seines Urlaubs in Chemnitz kennenlernte, besuchte sie ihn auch in seiner Heimatstadt in Bulgarien. Das Frauenbild dort beschrieb sie als unausgewogener als in der DDR. Dort hätte „der Mann noch das Sagen“ gehabt.

Ihre Beziehungen beschreibt sie als gleichberechtigt. Die Haushaltsaufgaben teilte das Ehepaar fair auf, ihr Mann kochte und sie kümmerte sich um die Kinder und die Wohnung. Eva Ahnerts erster Mann arbeitete in einer Gießerei und hatte oft späte Schichten, sodass sie während seiner Arbeitszeiten anstehende Haushaltsarbeiten zusätzlich übernahm. Auch in ihrer zweiten Ehe hatte ihr Mann späte und lange Schichten, manchmal von 06:00 Uhr morgens bis 21:00 Uhr abends, sodass sie viel Arbeit übernehmen musste. Obwohl sie im Vergleich zu ihrem Mann weitaus mehr im Haushalt und der Kindererziehung getan hat, empfand sie das nie als negativ. Sie hat sich nie ausgenutzt gefühlt, erzählt sie, und betont, dass ihre Arbeit immer wertgeschätzt wurde. Für sie ist eine Beziehung ungleichberechtigt, sobald der Mann respektlos und undankbar ist und die Arbeit der Frau als selbstverständlich ansieht. Das war in ihren beiden Ehen nicht der Fall, erzählt sie.

Im Jahr 1974 kam ihre erste gemeinsame Tochter auf die Welt. Ihr Mann war in dieser Zeit noch in Bulgarien, denn sowohl für eine Wohnung als auch für ein dauerhaftes Visum musste ein Paar in der DDR verheiratet sein. Eva Ahnert berichtet, als frisch gebackene Mutter zusammen mit der jungen Familie ihres Bruders und ihren Eltern in deren Wohnung gewohnt zu haben. Eine so junge Schwangerschaft ist damals normal gewesen. „Man hatte noch nichts, keine Wohnung, aber ein Kind hatte man“, erzählt sie lachend.

Ihre erste Mutterzeit war acht Wochen lang; danach wurde die Tochter von ihrer Oma betreut, die damals mit 40 Jahren schon frühpensioniert war. Zwei Jahre später kam die zweite Tochter auf die Welt. Doch die junge Familie wurde bald von zwei tragischen Schicksalsschlägen erschüttert.

Im Jahr 1978 starb Eva Ahnerts Mann bei einem Unfall. Die Zeit als alleinerziehende Mutter beschreibt sie als „hart“, denn sie musste alle Aufgaben übernehmen. Ihr Umfeld zeigte sich verständnisvoll, bis auf eine negative Erfahrung, die Eva Ahnert lange im Gedächtnis blieb. „Du hast ja weniger zu tun, du hast ja keinen Mann“, behauptete eine Kollegin. Das verletzte die alleinerziehende Mutter sehr.

Kurz nach dem Tod ihres Mannes erkrankte Eva Ahnerts jüngste Tochter an Krebs. Um sie zu betreuen, setzte die Kindergärtnerin ihre Arbeit aus. Ihre Mutter hat sie in der Zeit sehr unterstützt, auch bürokratische Hilfe erkämpft. So erzählte Eva Ahnert davon, dass ihre Mutter sich in das Sekretariat des Bürgermeisters von Chemnitz setzte, um eine bessere Wohnung für die kleine Familie zu erkämpfen.

Daraufhin zog Eva Ahnert mit ihren Töchtern in dasselbe Haus wie ihre Mutter, in der Hoffnung, dass die verbesserte Wohnungssituation auch die Genesung ihrer Tochter unterstützt. Trotz aller Bemühungen ist die Tochter 1980 tragischerweise gestorben.

In dieser schweren Zeit erfuhr die junge Witwe viel Unterstützung von ihrer Mutter und Großmutter. Durch den gemeinsamen Wohnort verbrachten die Frauen viel Zeit miteinander, zum Beispiel beim gemeinsamen Kochen und Essen. Ihr Bruder hatte mittlerweile eine wichtige Position im Bauernverband inne und war beruflich sehr eingespannt, weshalb er nicht viel helfen konnte. Seine Frau war häufiger bei ihrer Schwägerin, um sie in der schweren Zeit zu unterstützen.

Eva Ahnerts Freundeskreis hat diese herausfordernde Zeit nicht überstanden. Sie berichtet davon, dass der Kontakt „eingeschlafen“ sei.

Generell hat sie sehr viel Hilfe von Frauen für Frauen bekommen und kann auch bis heute besser mit Frauen über ihre Trauer sprechen. Sie beschreibt eine gesellschaftliche Trennung von Mann und Frau in den meisten Bereichen während der DDR. Ihre einzigen männlichen Bezugspersonen waren ein schwules Paar in ihrem Wohnhaus, das sie unterstützt hat und mit dem sie Karten spielte. Die Homosexualität der beiden war im Wohnhaus kein Thema und allgemein akzeptiert und die beiden haben auch nicht von Diskriminierung berichtet. Eva Ahnert erzählt, dass allgemein nicht über sexuelle Übergriffe, Sexismus oder Diskriminierung gesprochen wurde. Dass jetzt im Vergleich öfter darüber gehört wird, liegt daran, dass damals in der DDR vieles totgeschwiegen wurde. „Das durfte im sozialistischen Staat nicht sein, und da hat es dann auch keiner erfahren“.

Zwischendurch klingelt Eva Ahnerts Tochter. Um uns nicht zu stören, zieht sie sich in die Küche zurück. Ihre Mutter und sie werden demnächst Ur-Oma und Oma, und sie haben sich verabredet, um letzte Besorgungen zu besprechen. Man merkt ihnen ihre gute Beziehung an, sie lachen gemeinsam.

Als Eva Ahnert zurückkommt, frage ich sie über ihr Ur-Enkelkind. Ich erkunde mich, ob sie die Situation für Mütter jetzt als besser wahrnimmt. Die zukünftige Ur-Oma berichtet, dass sie momentan nicht genügend Kontakt zu jungen Müttern hat, um das vollständig zu überblicken. „Sicher gibt’s jetzt mehr Unterstützung“ vermutet sie. Aber sie kritisiert auch, dass Kinder heutzutage zu einer finanziellen Sache geworden sind. Die Freundin ihres Enkels, die noch nicht groß arbeiten konnte, bekommt beispielsweise weder Eltern- noch Muttergeld. Auch wenn Eva Ahnert das Kinderkriegen als ein Teil ihrer Aufgabe als Frau ansieht, kann sie verstehen, dass heute für viele Frauen die Kinder erst nach der Karriere kommen. In der DDR bekam sie 20 Mark Kindergeld monatlich, der Kindergarten war sehr preiswert und für jeden erschwinglich. Während der Krankheit ihrer Tochter bekam sie Sozialhilfe in Form von Sachleistungen und finanzieller Unterstützung.

Auf die Frage, ob sie in der DDR zufrieden war, antwortet Eva Ahnert mit Ja. „Ich kenne niemanden, der unzufrieden war in der DDR“, erzählt sie. „Wir kannten das aber auch nicht anders“, räumt sie ein. Als Außenstehende würde sie an ihrem damaligen Leben bemängeln, dass sie als sehr schüchterne Person in ihren sozialen Beziehungen wenig den Mund aufgemacht hat. „Man regt sich oft auf über was, aber eigentlich sollte man an der Stelle etwas sagen und nicht nur später zuhause drüber reden“. Natürlich habe sie jetzt mehr Komfort, aber ihr jetziges Leben wolle sie mit dem in der DDR nicht vergleichen. Auch im Westen wäre es ihr nicht unbedingt besser gegangen, glaubt sie. „Es war auch im Westen nicht alles Gold, was glänzt“, sagt sie.

Das Gespräch führte Fanny Schwarz (Klasse 9/3).