Ich habe mich in der DDR zu Hause gefühlt

An einem kühlen Nachmittag in der AWO-Wohnanlage auf der Agricolastraße in Chemnitz sitzt Helmut Eppendorfer, ein 87-jähriger Mann, der sein Leben in gleich drei politischen Systemen verbracht hat. Ihm gegenüber sitzt ein Schüler mit Handy und Stift bereit, seine Erinnerungen aufzunehmen. Trotz des Altersunterschieds eint beide der Wunsch, Erfahrungen über das Leben in der DDR, während der Wende und darüber hinaus festzuhalten. In diesem Bericht geht es um Helmut Eppendorfers Lebensweg – von Kindheitserfahrungen im Zweiten Weltkrieg über seine Arbeit in der DDR bis hin zu seinen Eindrücken nach 1989.

Sein Leben beginnt 1938 in Flöha. Kurz nach der Geburt zieht die Familie nach Chemnitz. Der kleine Helmut erlebt die letzten Kriegsjahre hautnah. „Ich habe Adolf Hitler noch auf der Autobahn gesehen“, erinnert er sich an ein für ihn damals eindrucksvolles Erlebnis. Doch er erlebte auch die Schrecken des Krieges: Im März 1945 sitzt der Sechsjährige im Keller, als eine Druckwelle die Umgebung erschüttert. Das Nachbarhaus ist zerstört, Scherben fliegen ins Kellerfenster. Sein Vater entscheidet: „Hier bleiben wir nicht mehr.“ So zieht die Familie ins Erzgebirge und entgeht dem verheerenden Großangriff auf Chemnitz am 5. März.

Auch an die ersten sowjetischen Soldaten erinnert er sich: Sie kamen nicht mit Panzern, sondern mit Pferdewagen und übernahmen die Polizeiwache – ein Bild, das sich tief einprägte. Der Erste kam sogar nur auf einem Fahrrad.

Nach dem Krieg besucht Eppendorfer die Schule, beendet sie mit dem damals üblichen Abschluss nach der achten Klasse und beginnt 1952 eine Lehre bei der Deutschen Reichsbahn. Sein Bruder ebnet ihm den Weg. In der Ausbildung lernt er alles, was man im Innendienst braucht – Fahrkartenverkauf, Frachtberechnung, Rangierpläne. Dazu kommt die Berufsschule mit speziellen Fächern wie Verkehrsgeografie und Kassenwesen. „Es war wie eine kleine Beamtenlaufbahn“, sagt er. Doch die Arbeit war schlecht bezahlt, härtere körperliche Tätigkeiten brachten in der DDR oft mehr Lohn.

1964 wird er zur Nationalen Volksarmee eingezogen und in Marienberg stationiert. Glücklicherweise ist er Funker.  – „Wir wurden Salonsoldaten genannt“ –, und kann durch seine Vorkenntnisse im Morsealphabet schnell überzeugen. Später leitet er sogar einen kleinen Funktrupp. Trotz Schichtdienst und militärischem Alltag blickt er positiv auf diese Zeit zurück. 1965 endet sein Wehrdienst. 1967 heiratet er seine Frau, die er in einer Tanzschule kennengelernt hatte. Drei Jahre später wird ihre Tochter geboren.

Beruflich wendet sich Helmut Eppendorfer in dieser Zeit neuen Aufgaben zu. Aus finanziellen Gründen gibt er seine Tätigkeit bei der Reichsbahn auf und schult zum Heizungsbauer um. Abendschule, praktische Arbeit und Familienleben unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach, doch er schafft es.

In den folgenden Jahren arbeitet er im Wohnungsbaukombinat Chemnitz, beteiligt sich am Aufbau neuer Wohngebiete und profitiert von den Betriebsferienheimen und der engen Gemeinschaft der Belegschaften. Politisch ist er nur in der Gewerkschaft aktiv, übernimmt auch Verantwortung in seiner Brigade. „Das half mir später auch bei der Wohnungssuche“, erzählt er. So zieht die Familie in eine AWG-Wohnung auf den Kaßberg.

Die DDR-Alltagswelt prägte ihn. Er erinnert sich an die Mangelwirtschaft, an den 13-jährigen Wartelistenplatz für den heiß ersehnten Trabant, aber auch an ein starkes Gemeinschaftsgefühl. „Es gab nichts – und am Ende hatte doch jeder das, was er brauchte.“ Beziehungen und gegenseitige Hilfe ersetzten oft das, was im Laden fehlte. Als er zum Beispiel eine Laube auf ein erworbenes Stück Pachtland setzen wollte, brauchte er eine Aufstellungsgenehmigung. Allerdings war er in keinem Gartenverein. Am Ende gab ihm ein Vorgesetzter, der im Vorstand eines Gartenvereins war, die Genehmigung und durch einen Bekannten seiner Frau konnten sie ihre Laube schließlich erhalten.

Auch die Stasi war allgegenwärtig. Sein Nachbar arbeitete für das Ministerium, blieb für ihn aber „ungefährlich“. Das Gefühl, beobachtet zu werden, blieb dennoch.

Als die Friedliche Revolution begann, stand auch Helmut Eppendorfer zweimal mit auf der Straße. „Aus ‚Wir sind das Volk‘ wurde schnell ‚Wir sind ein Volk‘“, erinnert er sich. Viele, so auch er, verbanden mit der Bewegung Hoffnungen auf mehr Freiheiten und eine Erneuerung des Systems. Stattdessen folgte die Wiedervereinigung. Ein Schritt, den er später kritisch bewertet: „Wir wollten eigentlich eine andere Republik. Am Ende fühlten sich viele benutzt.“

Mit der Wende verliert sein Betrieb die Grundlage. Wie viele andere erlebt er Betriebsschließungen und muss sich neu orientieren. Kurzzeitig arbeitet er im Westen, fühlt sich dort aber fremd: „Der Umgang war rauer, die Leute arrogant, besonders wegen meines sächsischen Dialekts.“ Zu Weihnachten im Jahr 1990 kehrt er nach Chemnitz zurück und findet Anstellung in einem Sanitärgroßhandel. Auch nach einem schweren Arbeitsunfall, nach dem er 13 Wochen im Krankenhaus liegt, arbeitet er weiter in der Branche, bis er schließlich 1998 mit 60 Jahren in Rente geht.

In der Rückschau betont Eppendorfer, dass er sich in der DDR zu Hause fühlte. „Ich bin überzeugt, 70 Prozent denken anders als ich in der Hinsicht“, sagt er, wissend, dass viele Menschen die Wendezeit als Befreiung empfinden. Für ihn aber überwiegen die positiven Erinnerungen an Gemeinschaft, soziale Sicherheit und gleiche Chancen. Nach der Wende schätzt er zwar die neuen Möglichkeiten, kritisiert jedoch den Verlust vieler Errungenschaften. Besonders fehlt ihm die enge soziale Einbindung, die er im DDR-Alltag erlebt hat. Ein sozialer Aspekt, der teilweise heute verloren ging, ist die in der DDR gesetzlich vorgeschriebene Gleichberechtigung von Mann und Frau. Helmut Eppendorfer empfand sich während seiner beruflichen Karriere in der DDR nie im Vorteil gegenüber Frauen, ganz im Gegenteil. Er empfand, dass die Arbeit mit Frauen immer auf Augenhöhe und selbstverständlich verlief, gerade wenn man auf den Lohn guckt, betont er.

Heute blickt Helmut Eppendorfer auf ein bewegtes Leben zurück, von Bombennächten über den Aufbau der DDR bis hin zu Umbrüchen in der Nachwendezeit. Er engagierte sich in Kirche und Gewerkschaft, sang im Chor und spielte Blasmusik. Trotz der politischen und persönlichen Veränderungen ist er dankbar für das, was er erlebt hat, und findet in seiner Familie, im Erzgebirge und in der Erinnerungskultur seinen festen Halt.

Das Gespräch führte Neo Elias Pilgrim (Klasse 9/4).

AWG
Eine AWG, Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft, war in der DDR ein Zusammenschluss von Beschäftigten, welche gemeinsam Wohnungen bauten, erhielten und verwalteten. Ihr Ziel war es, gemeinsam bezahlbaren Wohnraum zu erlangen.
Quelle: Wikipedia

Brigade
Eine Brigade im militärischen Sinne ist ein Zusammenschluss von mehreren selbstständigen Truppenabteilungen aus verschiedenen Verbänden unterschiedlicher Waffengattungen. Im sozialistischen Sinne ist eine Brigade die kleinste Arbeitsgruppe in einem Betrieb oder einer Organisation. Diese Gruppe soll produktiv zusammenarbeiten und sozialistisch arbeiten, lernen und leben.
Quelle: Wikipedia