Auf Händen durch das Leben
Es ist ein Sommerabend in Karl-Marx-Stadt, Mitte der 1970er Jahre. Im Licht der Scheinwerfer steht ein eingespieltes kleines Duo auf der Bühne. Das Publikum applaudiert, als Hans in atemberaubender Höhe im Handstand balanciert und Kerstin ihm mit sicherer Hand die Requisiten reicht. Ihre gemeinsame Artistiknummer „Rico & Ass“ ist bekannt in der ganzen DDR. Doch der Weg dorthin war alles andere als leicht.
Ein Kind der DDR
Hans Sachs wird 1952 in Chemnitz geboren, das in der DDR Karl-Marx-Stadt heißt. Schon als Kind fällt er durch seine Sportlichkeit und Begeisterung für Bewegung auf. Mit 5 Jahren spielt er mit seiner Schwester Zirkus, mit 13 Jahren steht er erstmals auf der Bühne, als Mitglied der Schleuderbrettgruppe „Die Böhms“. Trotz seiner geringen Körpergröße von nur 1,48 Metern, lässt er sich nie entmutigen. In der DDR ist das Leben streng geregelt, auch für junge Menschen. Berufswünsche werden vom Staat beeinflusst, vieles ist politisch gesteuert. Doch Hans hat einen Traum: Artist werden. Er trainiert seit frühester Kindheit Turnen, arbeitet hart und wird schließlich Teil des Artistikzirkels des Klubs der Jugend und Sportler „Fritz Heckert“, wo er seine Grundlagen in Akrobatik und Handstandäquilibristik legt. Später entsteht mit einem Freund das Akrobatikduo „Die 2 Saxons“, das im Bezirk Karl-Marx-Stadt und sogar im Fernsehen auftritt. Als er seine spätere Frau Kerstin wieder trifft, die er zuvor in einem Ferienlager kennengelernt hatte, beginnt ein neues Kapitel in seinem Leben.
Kerstin – eine Frau mit Mut und Ausdauer
Kerstin, die 1954 geboren wurde, wächst in Leukersdorf auf. Nach der Schule beginnt sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt und arbeitet später als Industriekauffrau. Sie ist klug, ehrgeizig und bodenständig - Eigenschaften, die ihr in der DDR helfen, sich durchzusetzen. Als Hans und sie sich verlieben, begleitet sie ihn bald zu Auftritten, hilft beim Anfertigen von Kostümen und Organisieren. Doch bald steht sie selbst auf der Bühne: als Assistentin und Partnerin in der Artistikdarbietung „Rico & Ass.“ Zusammen treten sie auf großen Kulturfesten, in Betrieben und Theatern auf. In einer Zeit, in der Frauen meist im Hintergrund stehen, ist Kerstin aktiv, unabhängig und mutig. Sie kündigt ihre sichere Arbeit, als die Hochschule sie wegen der Auftritte nicht mehr freistellen will. Damit entscheidet sie sich bewusst gegen die Sicherheit des Systems und für das Leben als Künstlerin, an der Seite ihres Mannes.
Leben zwischen Bühne und Alltag
Das Leben der Beiden ist von Arbeit, Disziplin und Reisen geprägt. Oft treten sie mehrmals pro Woche im gesamten Gebiet der DDR auf. Auch im Ausland zeigen sie ihre Kunst. Die DDR erlaubt diese Gastspiele nur mit offizieller Genehmigung. Trotzdem gelingt es den Beiden ein Stück Freiheit zu bewahren. In 8 Ländern Europas und Asiens begeistern sie ihr Publikum und lernen so neue, fremde Kulturen kennen. Hinter der glänzenden Fassade steckt jedoch ein anstrengender Alltag. In der DDR herrscht Wohnungsmangel, deshalb müssen Hans und Kerstin über 400 Stunden freiwillige Arbeit leisten, um eine Neubauwohnung zu bekommen. Ihr erstes Zuhause ist klein, eng und ohne Bad, doch sie machen das Beste daraus. 1975 heiraten sie, 1980 wird Tochter Denise geboren. Kerstin steht bis im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft auf der Bühne, sogar bei einem 2-monatigem Gastspiel in Bulgarien. Nach der Geburt kümmert sie sich um Kind und Haushalt, steht aber auch schon bald wieder neben Hans im Rampenlicht.
Kunst unter Kontrolle
In der DDR ist Kunst nie ganz frei. Die Gagen werden festgelegt und die „staatliche Zulassung“ entscheidet, ob man als Berufsartist arbeiten darf. Hans und Kerstin schaffen es 1977 diese Zulassung zu bekommen - ein großer Erfolg, aber auch eine Verpflichtung. Trotz strenger Regeln und politischer Kontrolle finden sie immer wieder Wege, ihren Traum zu leben. Ihre Kunst wird zu ihrem Freiraum, ihr Zuhause zu einem Ort des Rückzugs in einer Gesellschaft vieler Vorschriften.
Ein Leben voller Kraft und Liebe
Hans und Kerstin Sachs stehen für viele Menschen in der DDR, die trotz Einschränkungen ihren eigenen Weg gegangen sind. Ihre Geschichte zeigt, wie man mit Talent, Fleiß und Zusammenhalt, Grenzen überwinden kann, auch ohne das Land zu verlassen. Ob im Rampenlicht auf der Bühne oder im kleinen Wohnzimmer ihrer Neubauwohnung, ihr gemeinsames Leben ist geprägt von Mut, Leidenschaft und der Liebe zur Artistik. Hans sagt später einmal: „Manchmal stand ich auf den Händen, um das Leben besser auszuhalten – aber immer stand ich mit beiden Beinen fest auf dem Boden“.
Das Gespräch führten Lene Riedel (Klasse 10/2) und Tessa Uhlemann (Klasse 11/4).




