Wir waren gleichberechtigt, das kann man schon sagen
Petra Edel wurde am 13. Februar 1950 in Chemnitz geboren – wie der Großteil ihrer Familie ist sie Wassermann. Für unser Interview treffen wir uns in ihrer Wohnung im Chemnitzer Fritz-Heckert-Gebiet. Gleich beim Betreten des Wohnzimmers findet man Spuren ihrer vielen Hobbys: Sport schauen – insbesondere Fußball und Radsport –, Lesen und Reisen. Ihre Wohnung ist schön und durchdacht dekoriert: Magneten verschiedener Reiseziele, Kuscheltiere verschiedener Serien, Merchandise diverser Sportarten und ganz viele Bücher.
Vor dem Interview stellen wir uns kurz gegenseitig vor und ich bekomme einen kleinen Wohnungsrundgang. Dann geht es los. Zuerst sprechen wir über ihre Kindheit und Jugend:
Petra Edel wuchs bei ihren Großeltern in einer Reihenhaussiedlung aus den 1920er Jahren im Chemnitzer Stadtteil Borna auf und verbrachte ihr ganzes Leben in Karl-Marx-Stadt beziehungsweise Chemnitz und der Umgebung. Seit sie anderthalb Jahre alt war, sind ihre Eltern geschieden, doch damit kam sie immer gut zurecht. Als Kind wurde sie bei einem Termin auf dem Amt gefragt, ob sie lieber bei ihrer Mutter oder bei ihrem Vater wohnen möchte. Ihre Antwort war ganz klar: „bei meiner Oma.“
Ihre Großeltern erhielten ihr den Kontakt zu beiden Elternteilen, und so konnte sie, als sie alt genug war, ihre Mutter auf dem Kaßberg sogar allein mit dem Fahrrad besuchen. „Wir waren ‚Patchwork‘, da gab es dieses Wort noch gar nicht, aber es hat funktioniert“, erklärt sie mir.
Über ihre Kindheit erzählt mir Frau Edel: „Ich hatte nichts auszustehen, ich habe eine wunderschöne Kindheit gehabt – in Borna mit vielen Freunden.“ Im Jahr 1956 wurde sie in der Ernst-Schneller-Schule auf der Wittgensdorfer Straße eingeschult. Sie sagt, sie sei immer „gern in die Schule gegangen“. Nach der achten Klasse durften die Besten des Jahrgangs auf eine Erweiterte Oberschule (EOS) wechseln – „Natürlich sollte ich das auch, ich war gut in der Schule und mir hat Schule Spaß gemacht, auch wenn man mal gemeckert hat“. Doch da schoss ihr Vater gegen. Obwohl Petra Edel immer den Wunsch hatte, Lehrerin zu werden, wollte er, dass sie im Büro seiner neuen Frau arbeitet, weshalb sie nicht auf die EOS wechselte. „Da waren meine Lehrer ‚not amused‘“, fügt sie hinzu.
Was sie dann machte, änderte alles: „Da habe ich zu Hause zu meiner Oma gesagt, weißt du was, ich mach’ alles, aber ich gehe in kein Büro – und die war cool, das war eine coole Socke, meine Großmutter, die hat mich unterstützt.“ Mit ihrer Oma entschied sie, dass sie etwas mit Elektrotechnik machen möchte. Schnell fand sie einen Ausbildungsplatz im Fernmeldeamt auf der Oberen Aktienstraße (direkt neben dem Hauptbahnhof), welches damals mit dem Slogan „Mädchen in die Technik!“ warb. Am 1. September 1966 begann sie ihre Lehre bei der „grauen Post“, dem Teil der Deutschen Post, welcher zum Beispiel für das Verlegen von Leitungen und das Reparieren von Telefonen zuständig war. Nach zweieinhalb Jahren schloss sie – zwei Monate früher als die meisten ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler – ihre Ausbildung ab und fing an, beim Verstärkeramt im Fernmeldeamt zu arbeiten.
Mit 19 Jahren entschied Petra Edel, das Abitur nachzuholen. Abends ging sie in jeder Woche in die Volkshochschule in den Räumen des heutigen Agricola-Gymnasiums. Ihr Dienstplan wurde so eingerichtet, dass es ihr immer möglich war, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bekommen. Das Abitur schloss sie mit einer Zwei ab, danach wollte sie studieren. „Ich wollte immer noch Lehrerin werden. Mir schwebte dann vor: Berufsschullehrerin für Elektrotechnik“, erklärt sie mir. Nach einem krankheitsbedingten Schicksalsschlag kam es jedoch dazu, dass sie, anstatt in Dresden zu studieren, als Lehrausbilderin an der Betriebsschule in Karl-Marx-Stadt zu arbeiten anfing: „Da war ich nicht mal 22 Jahre alt und meine Lehrlinge, die waren 18 – und es hat wunderbar funktioniert. Außerdem stand ich meinen alten Ausbildern gegenüber – die wurden meine Kollegen“, ergänzt sie.
Im September 1973 begann Frau Edel zusätzlich ein Fernstudium an der Ingenieurschule Deutsche Post in Leipzig, welches fünf Jahre dauerte. Dieses schloss sie erfolgreich als Ingenieur für Fernmeldewesen ab. Anschließend folgte ein halbes Jahr Pädagogikausbildung in Karl-Marx-Stadt und danach durfte sie sich Lehrmeister nennen.
Nach der Wende wurden sie, ihre Kolleginnen und Kollegen von der Deutschen Telekom übernommen. „1997 hab’ ich dann Karriere gemacht, da wurde ich Außenstellenleiterin und war verantwortlich für geschätzt 150 Lehrlinge in verschiedenen Berufen und etwa zehn Ausbilder. Da habe ich dann nicht mehr vor Lehrlingen gestanden“, fährt sie fort. Bis zur Rente arbeitete sie an Organisatorischem, wie zum Beispiel im Anwerben von Nachwuchskräften, aber auch in der Prüfungskommission.
Seit dem Eintritt in den Ruhestand lernt Frau Edel Englisch, treibt Sport und reist viel, vor allem auf die Britischen Inseln: „Wenn mir jemand mal gesagt hätte, das wird mal dein Lieblingsreiseland, da hätt´ ich gesagt: ‚hä?‘ – aber es hat sich so ergeben. An erster Stelle meiner Lieblingsreiseziele steht London und an zweiter steht Wien“. Außerdem liest Frau Edel seit 2012 ehrenamtlich anderen Menschen bei der AWO vor: einmal im Monat bei der Tagespflege und einmal im Monat im Betreuten Wohnen – „Ich bin mit Büchern aufgewachsen – Lesen, da geht für mich nichts drüber“. Sie ergänzt: „Ins Bücherregal greifen, ein Buch rausnehmen und sagen: ‚Das lese ich jetzt vor‘, kann jeder. Das ist aber nicht das, was es sein sollte. Ich muss das Buch selbst gelesen haben und ich muss dahinterstehen, gerade wenn ich ein neues Buch hab’, da sag ich dann manchmal, Mensch, das wär’ was, das kann ich zum Vorlesen nehmen – oder ich sag’, nee, das geht überhaupt nicht. Und dann muss man das vorbereiten.“
Anschließend kommen wir zu den von mir vorbereiteten Fragen:
Frau Edel erklärt mir, dass die DDR-Verfassung die Gleichberechtigung von Mann und Frau vorsah. „In der DDR, da stand das in der Verfassung: gleichberechtigt. Wie das in manchen Familien vielleicht war, dass da auch der Mann gesagt hat: ‚Du gehst mir nicht arbeiten‘ – kann sein. Aber in der DDR sind die meisten Frauen arbeiten gegangen, auch aus dem Grund, weil wir das Geld brauchten. Es gab zudem Freistellungen vor der Geburt und nach der Geburt, alles bezahlt.“ Außerdem fügt sie hinzu, sie habe nie Diskriminierung in ihrem Arbeitsbereich erfahren: „Wir waren gleichberechtigt, das kann man schon so sagen. Wenn der Ingenieurabschluss gemacht wurde, dann wurde man Oberinspektor – egal ob Mann oder Frau, da hat keiner danach gefragt.“
Frau Edel ergänzt, dass ihr persönlich diesbezüglich nichts Unfaires widerfahren ist, „allerdings könnte ich mir vorstellen, dass der Aufstieg in ganz hohe Positionen für einen Mann leichter war, weil, mir fällt jetzt auch ein: Leiter Fernmeldeamt, Leiter der Bezirksdirektion, Leiter des Hauptpostamts – das sind immer Männer gewesen. Ob sich da nie eine Frau beworben hat, ich weiß es nicht – aber das waren immer Männer. Wir hatten auch immer Männer als Oberbürgermeister, bis dann die Frau Ludwig kam – das war die erste und vorher gab’s nie eine Frau in so einer Position. Aber das war bei der Telekom genauso. Die großen Telekom-Chefs, das waren alles Männer – da war keine Frau dabei.“
Während man in der BRD bis 1974 erst mit 21 Jahren gesetzlich volljährig war, gab die DDR Jugendlichen schon ab 18 Jahren den Status der Volljährigkeit, mit welcher sie zum Beispiel wählen durften, erklärt mir Frau Edel.
Wir unterhalten uns anschließend noch ein wenig über Frauenquoten in Betrieben. Frau Edel erklärt mir, dass sie nicht viel davon hält, bestimmte Vorgaben zu Geschlechteranteilen zu machen: „Wenn sich ein Mann und eine Frau auf eine Stelle bewerben und sie sind beide gleich gut geeignet, da können sie von mir aus sagen: ‚Dann nehmen wir die Frau.‘ Aber ich bin nicht dafür, Frauen auf irgendeinen Posten zu nehmen, für den sie gar nicht geeignet sind, bloß weil es eine Frau ist – also das finde ich auch blöd. Wenn schon, dann Leistungsprinzip.“
Für die Erledigung des Haushalts bekamen Frauen in der DDR einen bezahlten Haushaltstag pro Monat. Dieser war auch für Behördengänge oder im Herbst, wenn die Kohlen geliefert wurden, sehr nützlich. Auf den Haushaltstag waren manche Menschen in der BRD vielleicht sogar ein wenig neidisch: „Da hat mal eine Frau im Urlaub zu mir gesagt: ‚Wisst ihr, worum ich euch immer beneidet hab‘?‘ – Ich: ‚Worum?‘ – Sie: ‚Um euren Haushaltstag!‘“
Später frage ich Frau Edel, ob es Dinge gab, die man als Frau in der DDR anders erlebt hat, als man sie möglicherweise heute erleben würde. Frau Edel berichtet, dass sie nie verheiratet war: „Ich war auch alleinerziehende Mutter, wenn man so will. Natürlich hat mein Sohn seinen Vater gekannt, aber sie haben nie zusammengelebt. Natürlich, da war Unterstützung da, gerade für Alleinerziehende, da war es überhaupt kein Thema, einen Krippenplatz zu kriegen oder einen Kindergartenplatz. Und eins war besonders: die Preise, ich weiß nicht mehr hundertprozentig, was im Monat Kindergarten oder Kinderkrippe gekostet hat, aber mehr als 30 DDR-Mark waren es nicht.“ Sie fügt hinzu, dass ihre Halbschwester in der Frauenklinik Medizinisch-Technische Assistentin für Röntgen gelernt hat. Sie hatte ein Zimmer im Dachgeschoss, in welchem Frau Edel und sie oft zu Abend aßen. „Danach bin ich abends im Finstern durch den Crimmitschauer Wald nach Hause gelaufen – ohne Angst. Das würde ich mir heute um Gottes Willen nie mehr trauen. Natürlich hat es auch in der DDR Verbrechen gegeben, aber da war nicht so eine Angst da, dir könnte einer die Handtasche klauen oder irgend sowas – das kann man sich heute gar nicht mehr so vorstellen.“
Mich interessiert außerdem, ob es – zum Beispiel in der Schule – Vorurteile gegenüber Mädchen gab, woraufhin Frau Edel sagt, dass das bei ihren Lehrern „überhaupt nicht“ der Fall war. Zum Beispiel mussten die Jungen, zumindest am Anfang, genau wie die Mädchen auch das Fach Handarbeit mitmachen – alles war für Schülerinnen und Schüler gleich.
Ich frage Frau Edel auch, ob es in der DDR mehr Chancen für Frauen gab, vor allem beim Thema Bildung und Arbeit. Sie erklärt mir, dass in der DDR die Chancen für Männer und Frauen gleich waren: „Das, was möglich war, das konnte man auch als Frau machen.“
Meine nächste Frage, ob sie mit dem Frausein in der DDR generell zufrieden gewesen ist, beantwortet mir Frau Edel so: „Ja, ich hatte nichts auszustehen, und dass man über dieses und jenes gemeckert hat … Ich musste auch mal bei meinem Direktor antreten in den 80er Jahren, weil, da ist mir mal der Kragen geplatzt.“ Sie fügt hinzu: „Frausein in der DDR – da ist nichts zu bereuen, wirklich, auf gar keinen Fall.“
Frau Edel erklärt mir außerdem, wie Schwangerschaftsabbrüche in der DDR geregelt waren: „Der berüchtigte Paragraph 218, der heute immer noch ein Thema ist, war ja in der DDR null und nichtig. Die Frauen konnten selbst entscheiden, ob sie ein Kind zur Welt bringen wollen oder nicht. Ich war 1972 in der Klinik, da kam es leider zu dieser ersten Fehlgeburt. Und da weiß ich, dass die dritte Etage die Fehlgeburtenstation war, damit man nicht mit Schwangeren zusammen war. Und dort wurden auch die – Abtreibungen hat man in der DDR nicht gesagt – Schwangerschaftsunterbrechungen gemacht. Und was man da mal gehört hat, beim Spaziergang auf dem Gang – da muss der Andrang riesig gewesen sein. Frauen hatten das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper. Das ist ja auch in Ordnung und das kann jeder verantwortungsbewusst selber entscheiden. Ich denke mal, ohne triftigen Grund wird das auch keine Frau machen. Da war die DDR schon ein bissel ’nen Schritt voraus.“
Ich unterhalte mich mit Frau Edel auch über die Frage, ob es in der DDR bestimmte Geschlechterklischees gab, wie zum Beispiel, dass auch heute die Frau häufig den gesamten Haushalt übernehmen muss. Sie berichtet mir, dass es so etwas in der DDR selten gab. „Das kam erst nach der Wende“, fügt sie hinzu. „Wenn es unserer Familie gut gehen soll, dann muss ich arbeiten gehen. Wenn der Mann nicht viel verdient hat, dann war die Frau gezwungen, auch auf Arbeit zu gehen, sodass man sich auch mal einen schönen Urlaub leisten konnte. Da war das einfach so, dass die Frauen arbeiten gegangen sind“, erklärt sie mir. Es war nur so, dass viele Frauen mit ihren Kleinkindern zu Hause bleiben konnten, bis diese im Kindergartenalter waren – der Einstieg in den Beruf danach sei aber kein Problem gewesen.
Mich interessierte außerdem, ob Frau Edel sich wünscht, dass bestimmte Elemente aus der DDR ins Hier und Jetzt übernommen würden. Wir sprechen darüber, dass die Schwangerschaftsabbrüche unserer Meinung nach in der DDR besser geregelt waren. Außerdem erklärt Frau Edel mir, dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei, denn „es gab auch Dinge, die in der DDR vielleicht besser als im Westen waren. Diese Verallgemeinerung, wie es nach der Wende war, dass alles in der DDR Mist gewesen ist, stimmt nicht.“
Letztlich möchte ich wissen, ob sich nach der Wende die Rolle der Frau verändert hat. Wir unterhalten uns über geschlechterspezifische Stereotype in Berufen, woraufhin Frau Edel erklärt: „Warum soll man denn Männern diese Domäne überlassen? Es gibt doch auch Frauen, die Medizin studieren, oder Männer, die als Erzieher in Kindergärten arbeiten – also dieses typische Mann-oder-Frau muss wirklich nicht sein. Diese Rollenverteilung war mal da, aber das war in den alten Bundesländern. Wir haben das zu spüren gekriegt, wie die uns nach der Wende angeguckt haben, dass wir eben auch in einem technischen Beruf arbeiten. ‚Eine Frau? Hilfe!‘ Das hat sich schon geändert, und ich denke, da ist viel auch durch die Ostfrauen reingekommen. Ich denke, da können wir vielleicht auch ein bisschen stolz sein, dass wir dazu mit beigetragen haben.“ Sie fügt hinzu: „Männer- und Frauenberufe, so was ist sowieso Quatsch, so was gibt’s nicht. Jeder soll das machen, wozu er Lust hat, wozu er Talent hat, was ihm Spaß macht. Das ist ja eigentlich das Wichtigste. Was möchtest du? Was macht dir Spaß? Und dann kann man drüber nachdenken, wie man das vielleicht erreichen kann.“
Frau Edel hat viel erfahren und viel erlebt. Zum Schluss gibt sie mir eine wichtige Weisheit mit – nämlich, dass „das Leben manchmal die Weichen ein bissel anders stellt als man sich’s gedacht hätte – aber im Nachhinein, da sagt man sich: ‚Ja, eigentlich war es gut so, dass es so gekommen ist.‘“
Das Interview führte Helene Grover (Klasse 11/4).




