Man musste aus wenig viel machen

Renate Nörlich wurde 1938 in Chemnitz geboren. Eine Frau, die viel erleben wird in ihrem langen Leben. Sie ist mit sechs Jahren, 1944, auf die Annenschule gekommen, hat daran aber keinerlei Erinnerungen.

Nur ein Jahr später, am 5. März 1945, wurde Chemnitz zerbombt und ihr Haus lag in Trümmern. Die ganze Familie hatte kein Obdach. Sie kann sich noch daran erinnern, wie ihre Mutter die Scherben ihres alten Geschirrs sah und weinen musste. In der darauffolgenden Nacht sah sie, auf dem Weg zu Bekannten in Klaffenbach bei der Reichenhainer Straße, verkohlte Leichen - etwas, was sie nie vergessen wird. Aber zu dem Zeitpunkt war es ihr noch nicht bewusst.

Ihr Alltag war geprägt von Entbehrungen: Es wurde in einer Zinkwanne gebadet, die auf einem Kohleherd erhitzt wurde. Zuerst die Kinder, dann die Eltern. Die Wäsche wurde im Waschhaus gekocht, in einem großen Kessel - eine Frau verbrachte damals den ganzen Tag im Waschhaus.

Renate Nörlich spielte öfters Huppekästchen (Himmel und Hölle) mit den anderen Kindern und fuhr Holzroller mit ihnen. Sie haben oft sogar Lebensmittelkarten nachgemalt und aus Zeitungspapier Kleidung gebastelt, um damit „Einkaufen" zu spielen. Renate Nörlichs Mutter hatte immer Kinderkleidung aus Fallschirmseide genäht und diese an andere Höfe gebracht, um sie gegen Lebensmittel einzutauschen.

1952 hat Renate Nörlich dann die Schule abgeschlossen und eine Lehre als Elektromechanikerin begonnen. Eigentlich wollte sie technische Zeichnerin werden, doch war keine Lehrstelle vorhanden. Heute sagt sie dazu: „Ich habe es nie bereut." 1959 heiratete sie ihren Ehemann, und nur fünf Jahre später, 1964, gebar sie ihren Sohn. Ein einschneidendes Erlebnis war 1976, als ihr damals zwölfjähriger Sohn von Jugendlichen entführt wurde. „Wir sind in Kittelschürze und Hausschuhen hinterhergerannt", erzählt Renate Nörlich. Die Polizei ließ ihren Mann noch eingreifen, bevor sie übernahmen. Später erfuhr die Familie, es waren Kinder von Parteigenossen gewesen.

1981 erhielt die Familie ein Grundstück und baute darauf eine kleine Laube. Das Fundament wurde nachts mit dem Licht des Trabants ausgehoben, Schindeln besorgte sie nach stundenlangem Warten im Holzhandel. Dach und Elektrik erledigten sie gemeinsam als Familie.

Der Trabant selbst war typisch für die DDR: 15 Jahre Wartezeit, ein Preis zwischen 8.000 und 10.000 Mark - unbequem, aber unverzichtbar. Auch die DDR-Wirtschaft prägte das Leben stark. Lebensmittelkarten bis 1958, knappe Güter und hohe Preise in HO und Konsum bestimmten den Alltag. Luxus gab es nur im Intershop, Exquisit oder im Delikat. Eine einfache Tafel Schokolade zu Weihnachten kostete dort 7 Mark. Trotzdem herrschte ein starkes Miteinander - Nachbarn halfen sich selbstverständlich, teilten, was sie hatten.

Bis 2005 arbeitete Renate Nörlich nebenberuflich beim MDR, zunächst als Double, später in der Organisation. Am Abend des 9. November 1989, während einer Sendung mit Ute Freudenberg, erfuhr sie von der Grenzöffnung - ein Moment, den sie nie vergessen wird.

Nach der Wende bekam sie Begrüßungsgeld, reiste nach Paris und erlebte 2002 die Einführung des Euro. Heute nutzt sie moderne Technik - Handy, Tablet und Alexa - bleibt aber bodenständig.

Ihr Fazit fasst eine ganze Generation zusammen: „Man musste aus wenig viel machen. Und ehrlich, fleißig und vorsichtig durchs Leben gehen - dann kommt man durchs Leben."

Das Gespräch führten Selena Braun und Julia Uhlig (beide Klasse 9/4).