Ein Leben zwischen Handwerk, Wandel und Zusammenhalt

Die Erinnerungen jener Generation, die Krieg, Mangel und Neubeginn erlebt hat, erzählen weit mehr als bloße Geschichte. Sie zeigen, was Beständigkeit, Zusammenhalt und Lebensmut bedeuten, in einer Zeit, die von Entbehrung und Wandel geprägt war. Einer von ihnen ist Siegfried Hengst, dessen Erzählung einen ehrlichen und beeindruckenden Einblick in diese Epoche gewährt.

Wenn Siegfried Hengst von seinem Leben erzählt, hat er dabei eine ruhige, überlegte Stimme und dennoch einen leidenschaftlichen Unterton. Er wurde am 8. Mai 1934 im Chemnitzer Stadtteil Borna geboren. Seine Mutter Maria Hengst führte den Haushalt, während sein Vater Arno Hengst im Krieg dienstverpflichtet war. Siegfried war das jüngste von fünf Kindern, er ist aufgewachsen mit zwei Brüdern und zwei Schwestern.

Er erinnert sich an eine unbeschwerte Kindheit, umgeben von Natur und dem Alltag der Ziegelei, die sich direkt neben dem Elternhaus befand. In dem dortigen Baggerteich lernte er schon mit sechs Jahren schwimmen. Im Winter fuhren die Kinder Schlitten und im Sommer bauten sie aus verformten Ziegeln kleine Burgen und Figuren in der Lehmgrube. Dieser war ihr Spielplatz, voller Abenteuer. Als ein Highlight beschrieb Siegfried, dass die Grube auch manchmal voller Wasser war, in dem sich Salamander tummelten, welche sie als Kinder einfingen. Der Ziegelmeister kam aus dem Westen und brachte Arbeiter mit, die in den Ziegeleien übernachteten. Von ihnen kannte Siegfried die Düfte von Schinken und Salami, die dort zum Trocknen aufgehängt wurden. Wenn er und seine Schwester kleine Besorgungen für die Arbeiter erledigten, bekamen sie hin und wieder ein Stück Wurst geschenkt, für Kinder jener Zeit ein besonderer Genuss, da die Produkte aus dem Westen stammten und im Osten oftmals unzugänglich waren.

Am 6. Februar 1945 wurde die Familie ausgebombt. Ihr Zuhause in Borna ging verloren, und sie mussten anderthalb Jahre in Wittgensdorf leben. Dennoch besuchte Siegfried weiterhin seine alte Schule, die Ernst-Schneller-Schule (damals Hindenburg-Schule) in Borna, insgesamt von 1940 bis 1948. Diese Schule war ein Flachbau mit Schulgarten, der zum praktischen Lernen diente. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein spezielles Projekt: Die Schüler züchteten Raupen, die Kokons bildeten, weil deren Fäden zur Herstellung von Fallschirmseide gebraucht wurden. Der Unterricht war abwechslungsreich: Morgens gab es Brötchen und Kakao, mittags manchmal eine warme Suppe, und häufig stand Schulgartenarbeit auf dem Plan. Siegfried erzählt schmunzelnd von einem Winter, als er mit seinem Lederranzen den Hang an der Schule hinunterrutschte. Die Tasche platzte auf und er ließ sie in einer kleinen Schusterei reparieren. Dort schaute er dem Schuster aufmerksam zu und lernte, mit Faden und Wachs selbst zu nähen, eine Fertigkeit, die er später sogar für seine Tochter nutzte.

Gemeinsam mit seiner Schwester sang er im Schulchor, und in seiner Freizeit spielte er mit Freunden Eishockey bei der Lehmgrube. Als Puck diente eine Blechdose, die Schläger hatten sie selbst gebaut. Er merkte dabei an, dass die Winter besonders kalt waren, vor allem im Vergleich zur heutigen Zeit. Das Wasser fror so dick zu, dass die Kinder unzählige Stunden draußen verbringen konnten.

Auch zu Hause war immer etwas zu tun. Nach dem Krieg übernahm seine Mutter Heimarbeit in einem Textilbetrieb und nähte Kinderkleidung. Der Vater sammelte mit ihm Pilze im Wald, wenn er nicht gerade in Hohenstein arbeitete, eine Pflichtarbeit, die ihn oft von der Familie fernhielt. Der Garten hinter dem Haus versorgte sie mit Gemüse, und obwohl es an einigem mangelte, fanden die Kinder immer Wege, sich zu beschäftigen.

Nach dem Schulabschluss begann Siegfried eine Lehre als Gürtler bei der Firma Eifi Bartel in Altchemnitz, die er bis 1951 absolvierte. Die Arbeit mit Metall begeisterte ihn: „Der Beruf war künstlerisch, das hat mir gefallen“, sagt er. Während seiner Lehrzeit fertigte er unter anderem Leuchten und Kronen für das Opernhaus an, darunter eine prächtige Saalkrone, sowie kunstvolle Deckenleuchten. Auch Rangbeleuchtungen mit Kurbeln und Seilen, die beim Birnenwechsel abgesenkt werden konnten, gehörten dazu. Der Entwerfer war der Dresdner Professor Odes, ein humorvoller Mann, an den sich Siegfried gern erinnert.

Die Werkstatt war klein, rund 70 Beschäftigte, sowohl Männer als auch Frauen arbeiteten dort gleichberechtigt. Eigentlich hatte er Tischler werden wollen, doch dieser Beruf wurde damals kaum ausgebildet. „Gut, da mach ich das“, soll er gesagt haben, nachdem er mit seiner Mutter den Betrieb besichtigt hatte. Der Gürtlerberuf geht ursprünglich auf Gürtelmacher der Bronzezeit zurück und wird heute als „künstlerische Metallgestaltung“ bezeichnet, erklärte er. Bis heute besitzt er viele selbstgefertigte Stücke: Lampen, Figuren und kleine Tische. Als Lehrling stellte er sogar zwei Taufbecken für Kirchen in Plauen und Thüringen her.

Nach der Schließung der Firma wechselte er in den VEB PUW (Volkseigener Betrieb, ein Unternehmen in der DDR) und schließlich zum Fahrzeugbau Barkas. Dort arbeitete er als Blechner im Karosseriebau und erhielt die Auszeichnung „Qualitätsarbeiter Kombinat IFA Fahrzeugbau“. Ein besonderes Erlebnis aus dieser Zeit war ein Streik in seiner Abteilung, etwas, das in der DDR kaum vorkam. Grund dafür war der extreme Lärm von 107 Dezibel in der Werkhalle. Als Kassierer der Gewerkschaft setzte sich Siegfried für bessere Bedingungen ein. Nach vielen Gesprächen erreichten die Beschäftigten schließlich 20 Minuten zusätzliche Pause, ein kleiner, aber wichtiger Erfolg. Er arbeitete an Karosserieteilen des B1000-Kleintransporters, schweißte Bleche, bearbeitete Rohre und Gussteile. Alle sechs Monate musste er in der Scheffelstraße im Krankenhaus sein Gehör prüfen lassen. Ältere Kollegen durften wegen der Lärmbelastung nur zehn Jahre in der Halle arbeiten. Daher kam später ein Gehörschutz aus dem Westen hinzu, was die Arbeit deutlich erleichterte.

Nach einigen Jahren wechselte er in den Industriewerk- und Flugzeugbau, wo er unter strengen Sicherheitsvorschriften arbeitete. Dort waren Männer und Frauen ebenfalls so gut wie gleichermaßen beschäftigt. Frauen arbeiteten meist an kleineren Rohrverbindungen, Männer an großen Flugzeugteilen. Siegfried führte Bohr-, Schleif- und Schweißarbeiten aus und war als Selbstprüfer verantwortlich, jeden Arbeitsschritt zu dokumentieren. Anderthalb Jahre lang vertrat er den Meister und leitete 38 Männer. Besonders beeindruckten ihn die mächtigen Maschinen, an denen er arbeitete. Einmal war er vier Wochen in Pirna, um an Triebwerken mitzuarbeiten.

Schließlich kam er zu Robotron, wo er 26 Jahre tätig blieb. Dort baute er als Modellbauer in der Vorgestaltung. Die Anfertigung von Modellen von Rechen- und Schreibmaschinen in Maßstäben von 1:1 bis 1:25 gehörte zu seinen Aufgaben. Die Arbeit war vielseitig, die Materialien wandelten sich. Zuerst Gips, später Plastik und Holz. Er arbeitete in Nachtschichten, bildete sich regelmäßig weiter und beschreibt die Zeit als sehr angenehm. „Wir hatten eine gute Gemeinschaft auf der Arbeit, jeder hat jedem geholfen“, sagt er.

Als nach der Wende viele Betriebe durch die Treuhand geschlossen wurden, fand auch seine Zeit bei Robotron ein Ende. Doch Siegfried blieb nicht untätig: Er bewarb sich erfolgreich bei Waltl Design in Niederstotzingen (Baden-Württemberg), wo er erneut Modelle baute – diesmal größere Stücke, wie Tragflächen von Flugzeugmodellen oder Seifenkisten, die tatsächlich verwendet wurden. Zwei Jahre lang pendelte er zwischen Chemnitz und Baden-Württemberg, bis er 1992 mit seiner Frau dorthin zog. Mit 57 Jahren wurde ihm der Vorruhestand angeboten, doch er lehnte ab. „Ich habe gern gearbeitet, warum hätte ich aufhören sollen?“. Nach 47 Arbeitsjahren ging er schließlich in den Ruhestand.

Im April 2019 feierte das Ehepaar Eiserne Hochzeit, 65 Jahre gemeinsame Zeit. Kurz darauf verstarb seine Frau, und Siegfried entschied sich, nach Chemnitz zurückzukehren. Heute lebt er dort auf dem Kaßberg, zusammen mit seinem Kater Speedy. Er hat drei Kinder, vier Enkel und vier Urenkel, mit denen er regelmäßig Kontakt hält. Auch mit Bekannten bleibt er in Verbindung. Wenn er über die DDR-Zeit spricht, betont er den starken Zusammenhalt der Menschen: Man half sich gegenseitig, feierte gemeinsam und war, wie er sagt, „nicht materiell, sondern menschlich verbunden“. Urlaub wurde oft über den Betrieb organisiert, etwa nach Mecklenburg oder Ungarn, und wer etwas brauchte, bekam Unterstützung von den Kollegen.

Dennoch erinnert er sich auch an die Schwierigkeiten: Man musste für viele Dinge anstehen oder tauschen und manche Produkte waren gar nicht erhältlich. Er war viele Jahre Blockverantwortlicher für Wohneinheiten, fühlte sich dieser Aufgabe stark verpflichtet und sorgte dafür, dass die Gemeinschaft gut funktionierte.

Nach der Wiedervereinigung erlebte er den Wandel hautnah. Heute, sagt er, sei vieles besser: mehr Freiheit, keine Grenzen, kein Mangel. Man könne reisen, wohin man wolle. Nur die Bürokratie sei komplizierter geworden, und die Mieten hätten stark angezogen.

Wenn Siegfried Hengst auf sein Leben zurückblickt, tut er das mit einer Mischung aus Gelassenheit und Dankbarkeit. Er hat beide Systeme erlebt, unzählige Arbeitsjahre geleistet und seine Leidenschaft für das Handwerk nie verloren. „Ich hatte mein ganzes Leben über keine Schwierigkeiten, vor allem in Hinsicht was das Menschliche betrifft“, sagt er, und dies stimmt definitiv, denn er hat sich bei diesem Gespräch als herzlich und sympathisch erwiesen.

Das Gespräch führte Annika Ebert (Klasse 11/3).